Mensch und Tier
 
Humane-Balance Ein Zen-Meister wird gebeten, den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu erklären - beide besäßen doch die Buddha-Natur. "Also gut", antwortet der Meister, "ich werde es erklären - und zwar am Beispiel von Ratten: Angenommen, wir setzen eine Ratte immer wieder in ein Labyrinth, das in vier Tunnels mündet, und am Ende des vierten Tunnels legen wir immer ein Stück Käse - dann wird die Ratte mit der Zeit lernen in den vierten Tunnel zu gehen, um an den Käse zu kommen. Ein Mensch lernt das auch. Nun wird der Käse aber in einen anderen Tunnel verlegt: Die Ratte geht wie gewohnt in den vierten Tunnel - kein Käse dort! Sie geht noch einmal hinein - wieder nichts. Sie versucht es ein drittes, vielleicht noch ein viertes Mal. Schließlich gibt sie es auf und sucht anderswo. Und hier zeigt sich der Unterschied: Ratten sind von nichts überzeugt, sie interessieren sich für den Käse! Menschen entwickeln eine Überzeugung: den Glauben an den vierten Tunnel. Menschen halten es bald für richtig, in den vierten Tunnel zu gehen - egal ob dort noch Käse ist oder nicht! Menschen gehen weiter in den vierten Tunnel - ewig! Der Mensch hat lieber recht als den Käse … ihr habt lieber recht als glücklich zu sein - und um euch selbst und anderen zu beweisen, dass ihr recht habt, rennt ihr Jahr und Jahrzehnte weiter in vierte Tunnels. Und genau deshalb habt ihr schon so lange keinen "Käse" mehr bekommen! Merkt euch: Ihr kriegt euren "Käse" nie, wenn ihr ihn dort sucht, wo er eben noch war - das Leben verlegt ihn ständig in neue Tunnels. Ihr seid hier und praktiziert Zen, um eure "Käse-verneinenden" Überzeugungen los zu werden … sobald ihr eine Vorstellung davon habt was und wo das Glück oder die Erleuchtung ist, habt ihr die Chance verspielt, dahin zu kommen!"
 
((Quelle: Marco Aldinger, Geschichten für die kleine Erleuchtung, Freiburg 2002)