Reframing I
 
Humane-Balance SCHLOJME, der Hausierer, schwach, mager, kränklich, schleppt sich mit seinem schweren Warenkasten auf Rücken mühsam auf der heißen Landstraße dahin. Da kommt der reiche, kräftige Bauer Iwan daher."Iwan", bittet Schlojme, "trag mir den Kasten! Ich geb' Dir 20 Kreuzer dafür!"
Iwan ist beleidigt. Dem Juden den Kasten tragen? Von ihm ein Trinkgeld annehmen? Stolz lehnt er ab.
Sie wandern weiter nebeneinander her. Schlojme spürt, lang wird er es nicht mehr schaffen. Da hat er eine Idee. "Iwan", bittet er, "du bist reich. Und ich bin im Augen¬blick knapp mit Geld. Leih mir fünf Gulden zu einem guten Zins. Als Pfand lass' ich dir meinen Kasten mit der ganzen Ware!"
Schlojme öffnet den Kasten und breitet den Kram vor Iwan aus. Dem gehn die Augen über. Hurtig gibt er dem Juden die fünf Gulden und greift nach dem Kasten. Aber¬mals gehen sie lange schweigend nebeneinander her. Der Abend bricht an, und das Städtchen ist schon nahe. "Iwan", sagt plötzlich Schlojme, "ich hab' mir's überlegt. Ich verzichte auf die Anleihe. Da hast du deine fünf Gulden und fünf Kreuzer als Zinsen dazu! Und nun gib mir mein Pfand zurück!"
 
(Quelle: Salcia Landmann, Der jüdische Witz. Soziologie und Sammlung, Düsseldorf 2006)