Requiem partout

Ein kleiner Junge war todunglücklich, als er seinen Liebling, eine Schildkröte, leblos und starr auf dem Rücken liegend, neben dem Teich fand. Sein Vater bemühte sich, ihn zu trösten:
«Weine nicht, mein Junge. Wir werden ein schönes Begräbnis für Frau Schildkröte veranstalten. Wir werden ihr einen kleinen Sarg machen, ihn mit Seide ausschlagen und einen Grabstein bestellen, auf den Frau Schildkrötes Name graviert wird. Dann werden wir jeden Tag frische Blumen hinbringen und einen kleinen Palisadenzaun anlegen.»
Der kleine Junge trocknete seine Tränen und begeisterte sich für diesen Plan. Als alles fertig war, formierte sich der Trauerzug – Vater, Mutter, Hausmädchen und Kind als Haupttrauernde – und begann sich feierlich zu dem Teich zu begeben, um den Leichnam einzuholen. Aber der war verschwunden.
Plötzlich erblickten sie Frau Schildkröte, wie sie aus der Tiefe des Teiches auftauchte und vergnügt hin und her paddelte. Der kleine Junge starrte bitter enttäuscht auf seinen Freund und sagte: «Komm, dann bringen wir sie eben um.»

(Quelle: Anthony de Mello, 365 Geschichten, die gut tun, Freiburg 2006)

Requiem partout

Weitere Monatstexte: