Wahrheit erfassen…

Es saß einmal ein Student in einem Mönchskloster hoch droben im Himalaya
und meditierte. Er suchte nach der Wahrheit, und das ziemlich lange.
Schließlich wendete er sich frustriert an seinen Lehrmeister. Das ist nicht
gerecht; erboste sich der Student, nun bin ich schon seit Jahren hier und
suche nach der Wahrheit, während Sie sie bereits kennen. Warum sagen Sie
es mir nicht einfach?“
Weil du noch nicht bereit bist; antwortete der Meister. Das bin ich wohl!“,
beharrte der Student. Nein, bist du nicht“, erwiderte der Meister. Der
Student verlor schließlich die Geduld, packte seinen Lehrer am Kragen und
drückte fest zu. Sprich!“, schrie er. Wenn du am Leben bleiben möchtest,
dann erzähl mir von der Wahrheit.“ Nun gut“, keuchte der Lehrer, nach Atem
ringend, als der Student endlich von ihm abließ. Ich sage es dir, wenn ich
auch davon überzeugt bin, dass du nicht bereit bist. Die Wahrheit ist: Du bist Gott.“
Ich?“
Ja. Du bist Gott. Genauso wie auch ich. Im Grunde ist jeder Gott. Und wenn es dir gelingt, Gott in allem und in jedem zu sehen, dann musst du nie Angst haben.“
Voller Freude ging der Student los, um die frisch gefundene Weisheit auf die Probe zu stellen. Er wanderte den Berg des Mönchsklosters hinab und stieß auf einen riesigen Felsen. Im Lotussitz starrte er das Gestein an, bis er schließlich, hoch erfreut, Gott darin sah.
Nach einigen Monaten führten ihn seine Wege auf den Gipfel eines Bergdorfes. Dort stand eine kleine Menschenmenge versammelt. Es waren die Dorfeinwohner, die erschrocken aussahen.
Was ist los?“, fragte er. Geh nicht in das Dorf!; schrieen sie ihm zu. Ein Elefant ist vollkommen durchgedreht und macht nun sämtliche Häuser platt! Wenn du dorthin gehst, wirst du sterben!“ Der Student lächelte, der Vorfall kam ihm gelegen. Trotz der Vorwarnungen der kleinen Menge, ging er ganz ruhig auf die Dorfmitte zu, setzte sich hin und wartete meditierend auf den Elefanten. Er hörte ihn schon trompeten und kurz darauf sah er, wie dieser wie wild durch die Gegend stampfte. Der Student ließ sich davon nicht beeindrucken; er saß ruhig da, schaute den Elefanten an und sah schließlich, zu seiner großen Freude, Gott darin.
Einen Augenblick später erblickte ihn der Elefant, drehte sich und kam rasend auf ihn zu. Wochen später wurde der Student aus dem Krankenhaus entlassen, sein Körper war ein einziger blauer Fleck, ein Bein war vergipst und er ging mit Krücken.
Langsam und wutentbrannt machte er sich auf den Weg zum Mönchskloster in den Bergen. Als er endlich ankam, schnappte er sich seinen Lehrer.
Du hast mich belogen! ; brüllte er ihn an.
Nein, das habe ich nicht“, antwortete der Lehrer. Ich habe dir von der großen Wahrheit erzählt.“
Nein“, erwiderte der Student und erzählte ihm die ganze Geschichte und fügte hinzu: Sieh nur, was mir passiert ist?“
Tja“, sagte der Lehrer, ich hatte es dir gesagt. Du warst noch nicht bereit.“
Aber ich habe Gott in dem Elefanten gesehen!“. sagte der Student.
Ja, das leugne ich nicht. Aber warum hast du Gott nicht in all den Leuten gesehen, die dir geraten haben, dich von dem Elefanten fern zu halten?“

(Quelle: Joel ben Izzy, Mit Joel ben Izzy im Zaubergarten des Erzählens, Freiburg 2006)

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